Vorwort:
Die Herausforderungen unserer Gesellschaft erfordern eine bestmögliche und individuelle Ausbildung der Menschen. Außerdem hat ein Mensch, der in einer Gesellschaft lebt, die sich zum humanistischen Menschenbild bekennt, einen grundlegenden Anspruch auf Zugang zu solider und moderner Bildung. Daher ist die Konzeption und ständige Optimierung des Bildungssystems eine der wichtigsten Aufgaben der Politik.
Das rheinland-pfälzische Schulsystem befindet sich derzeit im Wandel.
Herausforderungen für die Schulentwicklungsplanung:
Im Zentrum der Diskussion um ein neues Schulsystem steht die Umsetzung der Leitmotive der Schulentwicklungsplanung. Aus unserer Sicht stellen wohnortnahe Schulangebote, demografiefeste Schulstrukturen sowie eine qualitätsorientierte Bildung die Herausforderungen für ein zukunftsorientiertes Schulsystem dar.
Forderungen der Jungen Union:
Die Junge Union setzt sich demnach grundsätzlich für ein zweigliedriges Schulsystem ein. Neben den Gymnasien soll eine weitere Schulform geschaffen werden, die sog. Oberschule. Integrative Modelle bei der Oberschule - wie bei der Realschule plus von der Landesregierung vorgesehen - lehnen wir ab.
Aus unserer Sicht wissen die kommunalen Entscheidungsträger am besten, welche Schule sie in ihrer Gemeinde anbieten möchten. Der kommunalen Ebene soll daher eine Wahlfreiheit gegeben werden. Hierzu muss ein möglichst breit gefächertes Angebot zur Auswahl angeboten werden. Den Kommunen soll es dann auch möglich sein, gut funktionierende Hauptschulen beizubehalten. Nur so können alle Schüler/innen am besten individuell gefördert werden.
Um diese gezielte Förderung zu verstärken, fordern wir, dass alle weiterführenden Schulen entscheiden dürfen, ob sie eine pädagogisch ausgerichtete Ganztagsschule sein wollen. Entscheidet sich die Schule für diesen Schritt, so ist die pädagogische Ganztagsschule verpflichtend für alle Schüler/innen. Unter pädagogisch ausgerichteter Ganztagsschule verstehen wir, dass die Schüler/innen ihr Mittagessen gemeinsam einnehmen, Hausaufgabenbetreuung und an jeder Schule ein pädagogisch ausgereifter Nachmittagsunterricht stattfinden, so dass dies auch keine Gefährdung von ehrenamtlichen Vereinen nach sich zieht. Ein Ganztagsschulangebot, das nur auf ein einfaches, nicht pädagogisches Betreuungsangebot zielt, lehnen wir ab.
Allen Bildungseinrichtungen sind in genügendem Maße Mittel (Finanz-, Sach- und Personalmittel) zur Verfügung zu stellen.
Weiterhin sollen die von der Grundschule ausgesprochenen Empfehlungen verbindlichen Charakter für die Wahl der weiterführenden Schule haben. Zur besseren Beurteilung der Schüler und Entlastung der Eltern sollte diese Empfehlung an die Entscheidung des Lehrers und eine zentrale Leistungsüberprüfung am Ende der Grundschule gebunden sein, um die Kinder einer weiterführenden Schule zuzuordnen. Entgegen dieser Empfehlung können Kinder an einer anderen weiterführenden Schule nur dann aufgenommen werden, wenn sie eine spezielle Aufnahmeprüfung bestanden haben.
Wir fordern die schnelle und flächendeckende Einführung des Abiturs nach 12 Jahren. Die Qualität dieses Abschlusses muss durch ein Zentralabitur gewährleistet sein. Bereits zuvor sollte analog zu den Abschlussprüfungen an Haupt- und Realschulen ein Test nach Absolvieren der 10. Klasse gefordert werden, der unter Berücksichtigung bisher erbrachter Leistungen, das Vorhandensein notwendiger Qualifikationen für die gymnasiale Oberstufe dokumentiert.
Die Erhaltung pädagogisch vertretbarer Lerngruppengrößen muss sowohl auf Grundschulen als auch auf den weiterführenden Schulen konsequent verfolgt werden. Andernfalls verfehlen sämtliche Anstrengungen der Schulen und Lehrer um die Vermittlung von Lerninhalten und Sozialkompetenzen komplett ihr Ziel. Daher fordern wir eine maximale Klassengröße von 25 Schüler/innen auf den weiterführenden Schulen, um eine individuelle Förderung sicherzustellen.
Weiterhin muss der regelmäßige Stundenausfall aufgrund fehlender Lehrer beseitigt werden und gleichzeitig Stellen für Lehrerfeuerwehren an jeder Schule geschaffen werden, so dass beispielsweise auch die Unterrichtsversorgung bei krankheitsbedingten und/oder fortbildungsbedingten Ausfällen von Lehrern sichergestellt werden kann. Hierfür fordern wir pro 150 Schüler/innen eine Feuerwehrstelle. Diese Feuerwehrstellen müssen mit richtig ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden. Um die Attraktivität der Feuerwehrstellen für die Lehrkräfte zu erhöhen, müssen für diese Anreize geschaffen werden.
Um einen Wettbewerb unter den einzelnen Schulen entstehen zu lassen, brauchen wir in Rheinland-Pfalz mehr Schulautonomie. Hierzu zählt ein Mitspracherecht der Schulen bei der Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern. Auch der Posten des Schulleiters muss attraktiver gestaltet werden. Hierzu ist über eine höhere Besoldung nachzudenken. Weiterhin sollen die Schulen auch in Schwerpunktsetzungen der Lehre autonom sein. Um Orientierungsmaßstäbe zu schaffen, werden allerdings gleichzeitig Qualitätsmaßstäbe formuliert, an denen sich die Schulen orientieren sollen. Abschließend soll es Abschluss und Vergleichsprüfungen beim Haupt- und Realschulabschluss sowie beim Abitur mindestens auf Landesebene geben.
Um die Leistungen der einzelnen Schulen zu evaluieren, müssen Schultests/Schulevaluationen im landesweiten Vergleich verstärkt und ausgedehnt werden. Der Wettbewerb unter den Schulen soll somit gezielt gefördert.
Bei gravierenden Verfehlungen der Schulen muss die Schulbehörde eingreifen.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft, Mittelständlern und Universitäten muss verstärkt werden, um bereits in der Schulzeit Kontakt zu Ausbildungsbetrieben und erste Erfahrungen mit möglichen Ausbildungsberufen oder Studiengängen herzustellen. Hierfür sind mindestens zwei verpflichtende Berufs- und Sozialpraktika auf den weiterführenden Schulen von enormer Wichtigkeit. Auch die Möglichkeit eines Schnupperstudiums von der Dauer von 2-3 Wochen soll stattdessen gegeben werden. Hierdurch versprechen wir uns eine Verringerung der Abbrecherquote bei Studium und Ausbildung.
Um die individuelle Förderung der Schüler/innen bestmöglich zu gewährleisten, darf auf allen weiterführenden Schulen die Klassenstärke von 25 Schüler/innen und auf Grundschulen die Klassenstärke von 20 Schüler/innen nicht überschritten werden. Hierdurch können die Stärken der Schüler/innen gezielt gefördert und gleichzeitig die Schwächen behoben werden.
Somit ist es in der Grundschule möglich, eine individuelle, altersgruppenübergreifende Sprachförderung für Kinder mit einer Schwäche im Fach Deutsch sicherzustellen. Diese Förderung soll an die entsprechende Förderung im Kindergarten anknüpfen und ab der 1. Klasse intensiviert werden. Die sprachliche und kommunikative Kompetenz des Einzelnen wird dadurch unabhängig von seiner Herkunft verbessert.
Um im Kernraum Europas konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir uns an unseren Nachbarn messen lassen. Wir fordern daher die Erteilung verbindlichen Englischunterrichts bereits in der Grundschule. In Grenzregionen kann die Schule in Abstimmung mit den Eltern in Ausnahmefällen stattdessen Französisch lehren. Es ist zu gewährleisten, dass dies in der Ausbildung der Erzieher und Lehrer berücksichtigt wird.
Kinder und Jugendliche gleich welchen Alters müssen vor Eingliederung in das Schulsystem ausreichende Sprachkompetenz vorweisen. Ist dies nicht der Fall, muss die Sprachförderung in Fördergruppen außerhalb der Schule durch qualifizierte Fachkräfte geschehen. Die Sprachförderung muss täglich, gezielt und ohne Notendruck stattfinden. Nur daraus entsteht Chancengerechtigkeit unter den Kindern und Jugendlichen, auch wenn ihnen das eigene Elternhaus eine umfassende Förderung nicht ermöglichen kann. Zudem wären solche Lerngruppen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund eine entscheidende Hilfe bei der Integration.
Fazit:
Schule muss wieder auf Leistung und Qualität setzen. Unterschiedliche Begabungen erfordern unterschiedliche Förderung. Diese individuelle Förderung muss absolute Priorität genießen, um die Schülerinnen und Schüler für ihren späteren Lebensweg optimal vorzubereiten.
Im Lichte der Leitmotive der Bildungspolitik (wohnortnahes Schulangebot, demografiefeste Schulstrukturen, qualitätsorientierte Bildung) sollen die aufgeführten Forderungen einen Rahmen zur Neuausrichtung unseres Bildungssystems geben. Diese bildungspolitischen Forderungen erheben weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Abgeschlossenheit, da ein Bildungssystem in einer fortschreitenden Globalisierung niemals starr sein darf, sondern sich flexibel weiterentwickeln muss.
Dieses Bildungspapier ist das Ergebnis einer Tagung der JU-Kreisverbände Bad Kreuznach, Birkenfeld, Rhein-Lahn und Rhein-Hunsrück und Vertretern des Landes- sowie Bezirksvorstandes des Bezirks Koblenz-Montabaur am 26./27. April 2008 in Pleizenhausen.